Reisebericht vom 12.04.2016 Weltumsegelung Wolfgang Boorberg &Crew

12 Apr Keine Kommentare Zeuner Reiseberichte

Datum:        12.04.2016 03:50
Betreff:        Gruesse von der Maeva Maris
Ihr Lieben zuhause und anderswo auf der Welt,

am 22.3.2016 hat die Maeva Maris nach ueber 3.000 sm und 20 Tagen auf See die Insel Hiva Oa auf den Marquesas erreicht. Damit ist die laengste Etappe auf See geschafft. Mit 320 qkm ist Hiva Oa die groesste Insel der suedlichen Marquesasgruppe. Ueppige gruene Taeler, ein Hochplateau sowie eine schroffe Gebirgskette mit drei ueber 1.100 m hohen Kaemmen, die steil zur Kueste abfallen, sind charakteristisch fuer diese Insel. Unverhofft wiederkehrende kurze Regenschauer sorgen fuer ein reichhaltiges Wachstum auf der gruenen Insel. Die Marquesas liegen nordoestlich von Tahiti, mehr als 1.500 km entfernt. "Te fenua enata"- "das Land der Menschen", wie die Einheimischen ihren Archipel nennen. Der erste Europaeer, der die abgelegene Inselgruppe Ende des 16. Jhdts. erreichte, war Alvaro de Mendoza Neira. Er nannte sie nach seinem Goenner, dem damaligen spanischen Vizekoenig in  Peru, Marquez de Mendoza, Las Islas Marquesas. Die Inseln der Marquesas sind die Gipfel einer aus dem Meer steil aufragenden Gebirgskette vulkanischen Ursprungs, deren hoechste Erhebung mit 1.224 m auf der Insel Nuku Hiva ist. Charakteristisch fuer die Marquesas sind die schroffen Felswaende und die tief eingeschnittenen Taeler. Im Gegensatz zu den meisten anderen Inseln Franzoesisch Polynesiens haben sie kein schuetzendes Korallenriff.
Zwei beruehmte Europaeer haben ihre letzten Lebensjahre auf Hiva Oa verbracht: Der franzoesische Maler Paul Gauguin kam 1901 auf der Suche nach dem urspruenglichen Leben und den beruehmten lockeren Sexualsitten nach Hiva Oa, musste aber feststellen, dass westliche Einflüsse und das Christentum die Kultur und Tradition der einheimischen Bevoelkerung fast vollstaendig verdraengt hatten. Verarmt und desillusionisiert starb Gauguin 1903. Eine Dauerausstellung zeigt verschiedene Reproduktionen der Werke von Gauguin. Hinter dem Museum steht das "Maison du Jouir", das Haus der Freude (!), in dem Gauguin mit seiner 14-jaehrigen polynesischen Geliebten lebte, ein Nachbau des Wohnhauses von Gauguin; das Original wurde auf Betreiben der Kirche nach dem Tod von Gauguin verbrannt. Nur wenige Schritte entfernt liegt die letzte Ruhestaette des belgischen Chansonniers und Lyrikers Jacques Brel. Seine "Jojo", eine kleine Beechcraft Twin Bonanza, mit der er oft nach Tahiti flog, ist noch in einer kleinen Ausstellung zu sehen.
In Hiva Oa ist es an der Zeit, die Maeva Maris nach der langen Etappe wieder in Ordnung zu bringen. Waehrend Hermann und Silvia einkaufen und ihrer Internet-Leidenschaft froenen, macht sich der Rest der Mannschaft an die Arbeit, um die Filter des Wassermachers zu tauschen, die gerissene Dirk zusammenzunaehen, den verbogenen Spibaumbeschlag zu richten, die Lazy Jacks zu flicken, den Wasserpass zu saeubern und, und, und … Trotzdem bleibt Zeit fuer eine Fahrt auf abenteuerlichen Wegen zu einem gut erhaltenen "marae", einer fruehen Kultstaette der Polynesier mit maechtigen Steinstatuen.
Von Hiva Oa segelte die Maeva Maris zu dem 80 sm entfernten Nuku Hiva, das vor einigen Jahren traurige Beruehmtheit erlangte, weil hier ein deutscher Segler von einem Einheimischen ermordet und verbrannt wurde. Auch von Kannibalismus war die Rede … Der Taeter konnte sich in den undurchdringlichen Waeldern der Insel wochenlang verstecken, ehe er sich selbst stellte. In der Zwischenzeit wurde er abgeurteilt und sitzt seine lebenslange Strafe in Paris ab.
Etwa 500 sm westlich der Marquesas liegt der Tuamotu-Archipel. Bei maessigem Wind erreicht die Maeva Maris das am weitesten nordoestlich liegende Atoll Manihi nach 4 Tagen auf See. Der Archipel, der frueher auch mal den Namen "Dangerous Islands" trug, ist mit fast 80 Atollen unterschiedlicher Groesse mit jeweils unzaehligen eingeschlossenen Inseln, die man hier Motu nennt, die weltweit groesste Gruppe von Korallenatollen - Suedsee pur! Nur etwa die Haelfte der Atolle ist bewohnt. Diese flachen Korallenatolle haben die unterschiedlichsten Formen und Groessen und sind rund oder oval. Zum Teil ist der Korallenguertel geschlossen und die Lagune des Atolls mit dem Schiff nicht erreichbar. Wir finden die im Suedwesten gelegene Einfahrt in das Atoll, "pass" genannt, wie erforderlich bei hoch stehender Sonne im Ruecken. Der Pass ist zwar stellenweise bis zu 60 m tief und betonnt, aber er ist sehr eng und hat viele Flachstellen und eine Barriere aus Korallenbaenken mit nur 2,50 m Wassertiefe (!). In langsamer  Fahrt, soweit die kraeftige Stroemung dies ueberhaupt zulaesst, und mit zwei Leuten im Ausguck auf dem Vorschiff erreichen wir unseren Ankerplatz vor der einzigen Hotelanlage des Atolls, dem Pearl Beach Manihi Resort. In Vorfreude auf einen kuehlen Cocktail an der Bar schnorcheln Wolfgang und Ingrid die ca. 50 m bis zum Hotel. Doch welche Enttaeuschung: das Hotel mit seinen Wasserbungalows ist schon seit drei Jahren stillgelegt, wie sie von den freundlichen Inselbewohnern erfahren. In der Nacht macht uns eine steife Brise schwer zu schaffen, denn auch hier vor der Hotelanlage gibt es unzählige Korallenbloecke, die zum Teil bis knapp unter die Wasseroberfläche ragen. "Anker auf" am naechsten  Morgen war nicht ohne mehrfaches Tauchen von Wolfgang moeglich, da sich die 40 m Ankerkette in der unruhigen Nacht beim Schwojen in 12 m Tiefe um mehrere Korallenbloecke gewickelt hatte - ein Glueck, dass Wolfgang seine Tauchausruestung an Bord hat.
Naechstes Ziel war das Rangiroa Atoll, das in seinen Abmessungen etwas groesser als der Bodensee ist.  Durch den Pass Avatoru erreichten wir die riesige Lagune und fanden einen Ankerplatz auf gut haltendem Sand mitten zwischen riesigen Korallenbloecken. Aber ohne Ankerwache bei Nacht geht es auch hier nicht, denn wenn die Tide die Lagune leert oder fuellt, kommt es zu einer enormen Stroemung -  im oestlicher gelegenen Pass Tiputa mit bis zu 10 kn! Im Dorf Avatoru war endlich wieder Gelegenheit, das Noetigste einzukaufen, ehe wir uns auf den Weg Richtung Tahiti mit einem geplanten Stopp auf Moorea machten. Nach monatelangen vergeblichen Versuchen gelang es uns endlich, einen Fisch zu fangen, einen goldgruenen Mahi Mahi (Goldmakrele) von fast 1 m Laenge - Petri Heil! Schon auf der Heckplattform zappelnd, entwischte er uns aber doch noch und jeder an Bord war froh, das schoene, in Gold und Gruen leuchtende Tier nicht toeten zu muessen.
Die erste Etappe unserer Weltumseglung neigt sich nun dem Ende entgegen, 6.000 sm sind wir seit St. Lucia gesegelt. Von Tahiti geht es am 24.4. nach Hause und jeder an Bord freut sich auf die Heimat.

Mit herzlichen Gruessen aus der Suedsee

Wolfgang, Ingrid, Hermann und Silvia